Über den Nutzen digitaler Gesundheits-Apps

Aktualisiert: 12. Okt. 2021

Roth und Kollegen (Roth et al. 2021) gehen in Ihrem spannenden Fachartikel „Psychiatry in the digital age: a blessing or a curse“ (Psychiatrie im digitalen Zeitalter: Segen oder Fluch) den neuen Möglichkeiten und Risiken nach, die Gesundheits-Apps und ähnliche Angebote mit sich bringen.

Während auf der einen Seite einige psychiatrische Erkrankungen durch die Altersstruktur der Bevölkerung zunehmen (z.B. gab es weltweit im Jahre 2015 47 Millionen Demenzkranke, 2030 sollen es bereits 75 Millionen sein (ADI 2015)), nimmt die Anzahl der im Gesundheitswesen Tätigen weltweit dramatisch ab: so gibt es global betrachtet einen eklatanten Mangel an Psychiatern, nur etwa 1 Psychiater kommt auf 100000 Menschen (0,1 in Niedriglohnländern, 13 in Ländern mit hohem Einkommen). (WHO 2017)

Möglicherweise können hier die neuen Medien inklusive Gesundheits-Apps eine gewisse Linderung bringen.

So werden täglich mehr als 200 Gesundheits-Apps neu in den Applestore oder Google Play hochgeladen (Fleisch et al. 2021) und insgesamt sind ca. 300.000 Gesundheitsapps verfügbar, von diesen sind ca. 20000 „Mental Health“-Apps, also aus dem psychiatrischen Fachgebiet stammend (Lagan et al. 2021).

Es gibt welche, wo man nur die App als solche nutzt, aber auch solche, die mit Face-to-face-Therapie zu nutzen sind. Diese könnten möglicherweise auch wirksamer sein als solche ohne direkten Kontakt (Wilhelm et al. 2020, Huckvale et al. 2020).

Suizidpräventionsapps können verschiedene wichtige Bereiche adressieren, z.B. ein Screening bezüglich des Suizidrisikos liefern, Copingfähigkeiten stärken, Techniken emotionaler Regulation vermitteln, Notfallkontakte vermitteln, Etablierung eines Notfallplans usw. (Larsen et al. 2016, Melia et al. 2020).

Leider gibt es hier noch keine klaren Daten bezüglich der Wirksamkeit (Torok et al. 2020).

Einen Schritt weiter gehen „Just-in-time adaptive interventions (JITAI)“, bei denen die Apps auch aktuelle Gesundheitsdaten erfassen und auswerten, z.B. Informationen über die aktuelle Stimmungslage, den Schlaf, Halluzinationen, Adhärenz an Medikamente, Substanzgebrauch und das soziale Funktionsniveau sowie GPS- und Fitnesstrackerdaten und vieles mehr. Es werden immer ausgeklügeltere Sensoren entworfen, die entsprechende mehr oder weniger nützliche Daten sammeln und auswertbar machen (Baker et al. 2018).

Einen besonders hohen Nutzen erwartet man sich dahingehend, dass psychiatrische Apps helfen könnten, die schwierige Lücke zwischen Entlassung aus stationärer Behandlung und weiterer ambulanter Versorgung zu überbrücken (Iliescu et al. 2021).

Es gibt aber auch Sicherheitsrisiken. So kann es sein, dass die Suizidpräventionsapp irrtümlich aufklärt über rasch wirkende Suizidmethoden, oft ist die Qualität der Apps auch erschreckend schlecht bzw. nicht genug wissenschaftlich untermauert. Eine aktuelle Analyse ergab, dass nur 7% der Apps alle 6 empfohlenen Antisuizidstrategien aufgreifen (Psychoedukation, regelmäßiges Erfassen der Stimmungslage und von Suizidgedanken, Angebot von Aktivitäten um von Suizidgedanken abzulenken, Entwicklung eines Notfallplans, Zugang zu Unterstützungsnetzwerken, und Zugriff auf Notfallberatung aus der App heraus). Apps die mehr als 1 Million Mal heruntergeladen wurden zur Suizidprävention gaben z.B. die falsche Nummer der Präventionshotline an.

App-Rating-Plattformen wie PsyberGuide sollen verfügbare Mental-Health-Apps genauer unter die Lupe nehmen (Neary und Schueller 2018).

Immerhin gelang es der Technologiefirma Pear Therapeutics 2018 z.B. die offizielle Autorisierung der amerikanischen FDA für zwei verhaltenstherapeutische Apps zu erhalten zur Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen (Pear Therapeutics 2018), 2020 für eine App gegen Schlafstörungen (Pear Therapeutics 2021).

Viele User scheuen aber die Nutzung solcher Apps wegen Sorgen um die Weitergabe privater Daten. Oft sind die Apps auch wenig benutzerfreundlich und schlecht programmiert, was den einen oder anderen abschrecken dürfte. Mittlerweile gibt es Bemühungen, eine All-in-one-Open Source-App zu programmieren, die die Basis für verschiedenste Gesundheitsapps darstellt, was zum sogenannten mindLAMP-Projekt führte (The Division of Digital Psychiatry at BIDMC 2021).

Man darf gespannt sein, welche spannenden Möglichkeiten uns digitale Apps in der Psychiatrie noch liefern werden.


Dr. med. Thorsten Heedt, MHBA

Chefarzt der WENDELSTEIN Klinik


Literatur

Baker JT, Germine LT, Ressler KJ, Rauch SL, Carlezon WA. Digital devices and continuous telemetry. Opportunities for aligning psychiatry and neuroscience 2018.

Fleisch E, Franz C, Herrmann A. The digital pill. What everyone should know about the future of our healthcare system 2021.

Huckvale K, Nicholas J, Torous J, Larsen ME. Smartphone apps for the treatment of mental health conditions. Status and considerations. Curr Opin Psychol 2020; 36: 65–70.

Iliescu R, Kumaravel A, Smurawska L, Torous J, Keshavan M. Smartphone ownership and use of mental health applications by psychiatric inpatients. Psych Res 2021; 299: 113806.

Lagan S, Sandler L, Torous J. Evaluating evaluation frameworks. A scoping review of frameworks for assessing health apps. BMJ Open 2021; 11(3): e047001.

Larsen ME, Nicholas J, Christensen H. A Systematic Assessment of Smartphone Tools for Suicide Prevention. Public Library of Science (PLoS) 2016.

Melia R, Francis K, Hickey E, Bogue J, Duggan J, O'Sullivan M, Young K. Mobile Health Technology Interventions for Suicide Prevention. Systematic Review. JMIR Publications 2020.

Neary M, Schueller SM. State of the Field of Mental Health Apps. Cogn Behav Pract 2018; 25(4): 531–537.

Pear Therapeutics. Pear Therapeutics obtains FDA Authorization for Somryst (TM), a prescription digital therapeutic for the treatment of adults with chronic insomnia. https://peartherapeutics.com/products/somryst/ (3 Oktober 2021).

Pear Therapeutics. reSET (R) und reSET-O (R). https://peartherapeutics.com/products/reset-reset-o/ (3 Oktober 2021).

Prince, M., et al. The global impact of dementia. World Alzheimer’s Report. 2015; 1–82.

Roth CB, Papassotiropoulos A, Brühl AB, Lang UE, Huber CG. Psychiatry in the Digital Age. A Blessing or a Curse? Int J Environ Res Public Health 2021; 18(16)

The Division of Digital Psychiatry at BIDMC. MindLAMP. 3 Oktober 2021. https://www.digitalpsych.org/lamp.html.

Torok M, Han J, Baker S, Werner-Seidler A, Wong I, Larsen ME, Christensen H. Suicide prevention using self-guided digital interventions. A systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials. The Lancet Digital Health 2019; 2(1): e25-e36.

WHO. World Health Atlas. https://www.who.int/publications/i/item/9789241514019 (3 Oktober 2021).

Wilhelm S, Weingarden H, Ladis I, Braddick V, Shin J, Jacobson NC. Cognitive-Behavioral Therapy in the Digital Age. Presidential Address. Behav Ther 2019; 51(1): 1–14.



Wendelstein Klinik Psychiatrie und Psychotherapie
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